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Liebe zu totem Holz, Hass auf lebende Juden -

?ber das "eklige Dorf" im Allgemeinen und Besonderen


1. Dorf

D?rfer - wer kennt sie nicht, diese kleinen, aus der ferne harmlos wirkenden
ansammlungen von 30-300 h?usern, zwischen denen eine b?ckerei, eine
metzgerei, eine tankstelle und ein onkel-emma-laden angesiedelt wurde. So
dahingetupft in eine idyllische landschaft erscheinen sie der fl?chtigen betrachterin
als ideale orte des der harmonie, der erholung, des r?ckzugs und des ungetr?bten wassers. Wie stets tr?gt der schein.
Bei n?herem hinschauen stellt sich die erkenntnis ein, dass ein ?der haufen dem n?chsten gleicht wie ein h?hnerei dem anderen. ?berall stehen die selben zweist?ckigen einfamilienh?user mit terrasse und vorgarten, fein s?uberlich durch einen zaun vom n?chsten grundst?ck abgetrennt, in deren fenster infantile "kunstwerke" h?ngen und an deren eingangst?ren die namen m?llermeierschmitt
zu lesen sind. Die dort einquartierte jugend, die dorfjugend, unterscheidet sich ebensowenig voneinander: mofa, bluejeans, hardrock (seit kurzem: deutschrap), h?ssliche frisuren lauten die hegemonialen koordinaten. Das pseudoaufm?pfige jungbauerntum, welches sich am wochenende in ?berm??igem alkoholkonsum
ergeht, stellt den lediglich generationsbedingten gegenpart zu den spie?igen
erwachsenen dar. Letztere gehen monoton tagein tagaus ihrer arbeit bei der steuerberatung oder in der im einzigen industriegebiet des ortes angesiedelten
kerzenfabrik nach, sind seit 30 jahren mit dem selben partner verheiratet und w?rden nie in der ?ffentlichkeit schlecht ?ber die nachbarn reden (hinter vorgehaltener hand daf?r umso mehr).

Was lustig klingen mag oder als letzten endes harmloses, getrost zu ignorierende ?sthetische verbrechen in leider nicht unbetr?chtlichem geographischem ausma?e abgetan werden k?nnte, ist es trotz - und wegen - der treudoof-unpolitischen oberfl?che nicht. Es handelt sich um das nahezu bruchlose weiterbestehen von bedingungen, die auschwitz erm?glicht haben: Konstitutiv f?r die rurale szenerie ist die herausbildung einer dorfgemeinschaft, bestehend aus heterosexuellen wei?en m?nnern (auch frauen, denen allerdings meist ein platz an der seite eines mannes zugewiesen wird), die in der regel auf dem abstammungsprinzip beruht und hierarchisch gestaffelt ist. Neben ?konomischen faktoren bestimmt sich die rangordnung ?ber die lautst?rke der stimme und die gr??e der faust, mit der auf den h?lzernen k?chentisch zu hauen fr?h einge?bt wird. Die dominanz der lokalplatzhirsche und stammtischreiter stellt sich als strukturelle dar, die zwar st?ndig durch vielerlei praxen reproduziert, jedoch nur in ausnahmef?llen mittels direktem physischem zwang bis hin zu folter und mord durchgesetzt werden muss. Vielmehr kommt ihr eine selbstverst?ndlichkeit zu, die eine offene artikulation weitgehend ?berfl?ssig macht, was die brutalit?t der zust?nde kaum mildert. Menschen mit "abweichendem" sexuellen begehren oder nicht koh?renter "geschlechtsidentit?t", intellektuelle, migrantInnen, obdachlose, linke wissen um die hegemonie des ressentiments, verringern ihre ?ffentliche sichtbarkeit daher so weit als m?glich oder ziehen in die gro?stadt, wo sie sich zumindest in die jeweilige szene einklinken k?nnen. Die scheinbare gem?tlichkeit des landlebens beruht also auf dem ausschluss des "anderen", nicht-identischen, der in letzter konsequenz immer die juden anvisiert. In ihnen sieht die/der l?ndliche mittelstandsdeutsche projektiv s?mtliche verhassten eigenschaften vereint: kosmopolitische freiz?gigkeit und ausbruch aus dem begrenzten wirkungsraum, sexuelle ausschweifung und reichtum ohne arbeit, ?bertreten der althergebrachten ordnung und rationale verfolgung eigener interessen ohne verzicht f?r die gemeinschaft, kurzum: gl?ck in gr??tm?glicher anh?ufung. Aufgrund der vor 60 jahren begangenen untaten kommen juden den l?ndlern jedoch ?u?erst selten zu gesicht. Wenn ihr regressiver einfaltspinselzorn dann und wann einmal ausbricht, etwa anl?sslich von alkoholseligem sch?tzenfest oder fussballspiel, findet er im normalfall gen?gend andere objekte, an denen abzureagieren sich lohnt. Zu nennen sind sogenannte zugezogene, nicht im dorf verwurzelte, die oft auch nach 20 jahren noch nicht den n?tigen stallgeruch aufweisen k?nnen; die aus der ex-udssr eingewanderten "aussiedler", die unter dem verdacht der mafiabet?tigung stehen; oder nat?rlich richtige fremde wie "neger" und "asylanten", deren oftmals geballtes vorkommen in form von heimen die g?nstige gelegenheit gibt, die im schulsport erworbenen wurfkenntnisse auszunutzen und kleine freudenfeuer zu veranstalten.

2. Hohmann

?hnliche vorg?nge sind aus dem ?rtchen neuhof bei fulda in osthessen in
deutschland zu vermelden, wo der katholizismus sein unbarmherziges regiment
f?hrt. Dort wurde von der lokalen cdu solange gegen einen t?rkischen metzger
gehetzt, bis dessen laden mit hakenkreuzen beschmiert und verw?stet wurde und das gesch?ft schlie?en musste. Teilhabe an der propaganda kann martin hohmann f?r sich reklamieren, der lange jahre den posten des b?rgermeisters ausf?llte
und auch heute noch, als f?r seine antisemitischen phantasien bundesweit
bekannter bundestagsabgeordneter, nichts von seiner popularit?t in ort und region
eingeb??t hat. Bei einer abstimmung der fuldaer zeitung votierten 88% der
anruferInnen f?r den verbleib hohmanns in der cdu-fraktion. Die leute, die da
unten, f?hlen sich von dem gestandenen mann w?rdig repr?sentiert: autorit?re
charaktere die sie sind f?rchten sie sich davor ihre angelegenheiten selbst in
die hand zu nehmen, ebenso treibt sie die angst vor allerlei omin?sen sprechverboten und angeblichen tabus, die ihnen nicht recht einsichtig sein wollen. Deswegen laben sie sich an der direkten sprache, die "ihr martin" an ihrer
statt findet, wenn es um das beherzte draufschlagen und den rundumschlag im
karussell der ressentiments geht. Kein element des faschistoiden weltbildes l?sst
der ideelle gesamtneuh?fer aus, wenn er mal wieder ans rednerpult schreitet:
seien es die homosexuellen, die f?r den bev?lkerungsr?ckgang verantwortlich
gemacht werden und dekadenz, zersetzende moderne in die provinz bringen, ja
geradezu einschleppen. die frauen, die abtreiben und damit ebenso jeden tag
das hei?geliebte volk dem tod durch aussterben einen schritt n?her bringen. Die
medien, die in ihrer profitlogik nur auf skandalmacherei aus sind und f?r einen schnellen euro ein ganzes dorf zu unrecht in den dreck ziehen, quasi "mit
der antisemitismuskeule erschlagen." Die hinten ihnen stehenden strippenzieher, die aus durchsichtigem interesse (wer w?sste nicht was gemeint ist!?) eine hetzkampagne angeordnet haben. Die unf?higen schw?tzer in den parlamenten,
die eine "politikerverdrossenheit" erzeugen, weil sie das volk nicht gut regieren, ihm nicht ausreichend aufs maul schauen, egoistisch vor sich hin materialisieren anstatt sich f?r die w?hlerInnen aufzuopfern. Nicht zu vergessen die ausl?nder, die die deutschen ent- statt wie urspr?nglich vereinbart bereichern, anstelle ihre arbeitskraft bedingungslos zur verf?gung zu stellen, also die finanziellen ressourcen der deutschen mittels ihrer bekannterma?en parasit?ren art aussaugen.

Wer am meisten saugt, dass wei? ein martin hohmann auch ganz gewi?: die juden sind es, liegen sie den deutschen doch nun schon seit mehr als einem halben
jahrhundert mit ihrem wehgeschrei in den ohren und ziehen daraus handfesten profit, w?hrend deutsche zwangsarbeiter noch immer nicht entsch?digt wurden.
Solche missst?nde k?nnen jedoch nicht behoben werden, solange das "j?dische
volk" mit einem "?berma? an wahrheit" ?ber die l?ngst vergangenen vorf?lle aufwartet, wo es als mindestens-ebenso-t?tervolk doch kein recht dazu h?tte. Die
macht der juden und des auslands, die die deutschen zu unterprivilegierten parias im eigenen land macht, muss gebrochen werden, um wieder stolz auf das vaterland demonstrieren zu k?nnen.

3. Neuhof

Eine ansehnliche, hermetisch gegen jede erfahrung und rationalit?t abgedichtete weltsicht hat sich hohmanneuhof da zusammengebastelt. Leicht aufrechtzuhalten ist das gebilde, sucht man doch untereinander immer wieder best?tigung und r?ckt angesichts des feindseligen "medienspektakels" zusammen. Durch das enge beieinanderstehen soll, man kennt den prozess aus der physik, reibung und w?rme entstehen, ein aggregatzustand den die rationalistische, b?rgerlich-
individualistische gesellschaft nicht bieten kann, was best?ndig allerlei r?ckw?rts gewandte sehns?chte hervorruft. Da die zusammenfindung zum volk von neuhof nur ?ber den gemeinsamen feind hergestellt wird, gibt sie sich jedoch gerade darin als die gr??tm?gliche menschliche k?lte zu erkennen: die hohm?nner verbindet nur das nicht(s), keine zuneigung, keine z?rtlichkeit, kein gemeinsam beschlossenes projekt f?r das es sich zu leben lohnte ist ausfindig zu machen. allein das zuf?llige dahinvegetieren auf dem selben territorium und der hass auf andere, vermeintlich gl?cklich(er)e schwei?t zusammen. Wie weit der barbarische konsens gediehen ist zeigen nicht nur die letztj?hrigen beschwerden der j?dischen gemeinde zu fulda, die sich beinahe v?llig alleingelassen f?hlte angesichts der wutsch?umenden pro-hohmann-meute. Auch schon bei kurzzeitigem flanieren durch den ort schl?gt einen die konterrevolution in permanenz ins auge: ?berdurchschnittlich viele h?user flaggen die deutschlandfahne, auf autos sind spr?che wie "stoppt tierversuche - nehmt kindersch?nder" zu lesen und am gartenzaun h?ngen selbstgeschriebene pappschilder voll trauer und empathie - f?r holzpf?hle: "Zum gedenken an die vier pfosten die in den letzten 20 jahren von lkw`s umgelegt wurden. Nur einer davon wurde bezahlt." Der am rande der hauptstra?e platzierte stein mit der inschrift "3. oktober 1990" macht die abwesenheit jeglicher zeichen des gedenken an die opfer der deutschen vernichtungstaten noch bewusster.

W?hrend der kundgebung gegen hohmanns rede am 03.10.04 schl?gt den protestierenden, die bis auf eine handvoll ausnahmen s?mtlich aus frankfurt angereist sind, von seiten der fans des katholischen fundamentalisten feindseligkeit
und hohn, letzterer gespeist aus der tatsache der numerischen ?berlegenheit,
entgegen. Nachdem zun?chst nur einzelne beleidigungen als "asoziale",
"bettn?sser" oder "juden" erklingen, ger?t das blut der local heroes richtig in
wallung, als ihre heimat in einem redebeitrag als "ekliges dorf" denunziert wird.
Eine gruppe von jung- und altm?nnern kennt nun keine zur?ckhaltung mehr, sie
drohen den "scheissern", sie sollten schon mal "ihre brillen abnehmen" um dann
"das mikro zu fressen". Dass erst ab diesem punkt eine solch starke emotionale reaktion zu beobachten ist, zeigt, wie sehr sich die einzelnen mit dem zwangskollektiv in eins setzen: eine benennung ihrer umtriebe als antisemitische
oder rassistische scheint ihnen nicht halb so schlimm wie die diffamierung ihres ortes, der gemeinschaft aus der sie den gro?teil ihrer identit?t ziehen.
Die von adorno angemahnte entbarbarisierung des platten landes, deren
dringlichkeit er unter anderem mit der b?uerlichen herkunft vieler ss-m?nner zu
belegen suchte, ist gescheitert, bevor sie ?berhaupt jemals in angriff genommen
wurde. Unterstrichen wird diese aussage durch die gespr?che mit den zwei oder drei versprengten einzelpersonen, die ihre ablehnung hohmanns in der region
?ffentlich kund taten. Der eindruck der klassen?bergreifenden einigkeit verst?rkt sich noch: all ihre verwandten, bekannten, freundInnen seien der meinung, der bundestagsabgeordnete habe recht, erz?hlt eine junge frau. Die leute seien einfach dumm, durch die bank weg dumm, meint ein anderer, der aufgrund von kritischen leserbriefen drohanrufe bekam: "judenknecht" und "judensau" wurde ihm aus dem h?rer entgegengeschleudert. Ehemalige bekannte gr??en ihn zum teil nicht mehr. Wenn er an den nationalsozialismus erinnert, wird sofort eingewandt: "Das war doch damals gar nicht so schlimm" oder "Ob`s das wirklich gegeben hat wei? man nicht". Wir allerdings wissen dass es neuhof gab und gibt, wenn uns auch der sinn, sozusagen das d?rfliche existenzrecht, nicht ganz klar ist. Wir hoffen, die geschichte m?ge einmal einen gerechten lauf nehmen und dieses dorf, in welchem holz und tiere geliebt und zugleich juden und fremde gehasst werden, seinem verdienten ende zuf?hren. Da diese entscheidung nicht in unserer allzu bescheidenen macht liegt k?nnen wir nur auf h?here gewalten hoffen. Die oderflut sei der osthessischen provinz beispiel und warnung zugleich.

gruppe 8. mai

kontakt: gruppe8mai@gmx.net
26.2.05 16:55
 
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