gruppe8.mai

 

* Startseite     * Archiv     * Kontakt



* Links
     soz stud ver
     jungle world
     antifa ffm
     sinistra!





Liebe zu totem Holz, Hass auf lebende Juden -

Über das "eklige Dorf" im Allgemeinen und Besonderen


1. Dorf

Dörfer - wer kennt sie nicht, diese kleinen, aus der ferne harmlos wirkenden
ansammlungen von 30-300 häusern, zwischen denen eine bäckerei, eine
metzgerei, eine tankstelle und ein onkel-emma-laden angesiedelt wurde. So
dahingetupft in eine idyllische landschaft erscheinen sie der flüchtigen betrachterin
als ideale orte des der harmonie, der erholung, des rückzugs und des ungetrübten wassers. Wie stets trügt der schein.
Bei näherem hinschauen stellt sich die erkenntnis ein, dass ein öder haufen dem nächsten gleicht wie ein hühnerei dem anderen. Überall stehen die selben zweistöckigen einfamilienhäuser mit terrasse und vorgarten, fein säuberlich durch einen zaun vom nächsten grundstück abgetrennt, in deren fenster infantile "kunstwerke" hängen und an deren eingangstüren die namen müllermeierschmitt
zu lesen sind. Die dort einquartierte jugend, die dorfjugend, unterscheidet sich ebensowenig voneinander: mofa, bluejeans, hardrock (seit kurzem: deutschrap), hässliche frisuren lauten die hegemonialen koordinaten. Das pseudoaufmüpfige jungbauerntum, welches sich am wochenende in übermäßigem alkoholkonsum
ergeht, stellt den lediglich generationsbedingten gegenpart zu den spießigen
erwachsenen dar. Letztere gehen monoton tagein tagaus ihrer arbeit bei der steuerberatung oder in der im einzigen industriegebiet des ortes angesiedelten
kerzenfabrik nach, sind seit 30 jahren mit dem selben partner verheiratet und würden nie in der öffentlichkeit schlecht über die nachbarn reden (hinter vorgehaltener hand dafür umso mehr).

Was lustig klingen mag oder als letzten endes harmloses, getrost zu ignorierende ästhetische verbrechen in leider nicht unbeträchtlichem geographischem ausmaße abgetan werden könnte, ist es trotz - und wegen - der treudoof-unpolitischen oberfläche nicht. Es handelt sich um das nahezu bruchlose weiterbestehen von bedingungen, die auschwitz ermöglicht haben: Konstitutiv für die rurale szenerie ist die herausbildung einer dorfgemeinschaft, bestehend aus heterosexuellen weißen männern (auch frauen, denen allerdings meist ein platz an der seite eines mannes zugewiesen wird), die in der regel auf dem abstammungsprinzip beruht und hierarchisch gestaffelt ist. Neben ökonomischen faktoren bestimmt sich die rangordnung über die lautstärke der stimme und die größe der faust, mit der auf den hölzernen küchentisch zu hauen früh eingeübt wird. Die dominanz der lokalplatzhirsche und stammtischreiter stellt sich als strukturelle dar, die zwar ständig durch vielerlei praxen reproduziert, jedoch nur in ausnahmefällen mittels direktem physischem zwang bis hin zu folter und mord durchgesetzt werden muss. Vielmehr kommt ihr eine selbstverständlichkeit zu, die eine offene artikulation weitgehend überflüssig macht, was die brutalität der zustände kaum mildert. Menschen mit "abweichendem" sexuellen begehren oder nicht kohärenter "geschlechtsidentität", intellektuelle, migrantInnen, obdachlose, linke wissen um die hegemonie des ressentiments, verringern ihre öffentliche sichtbarkeit daher so weit als möglich oder ziehen in die großstadt, wo sie sich zumindest in die jeweilige szene einklinken können. Die scheinbare gemütlichkeit des landlebens beruht also auf dem ausschluss des "anderen", nicht-identischen, der in letzter konsequenz immer die juden anvisiert. In ihnen sieht die/der ländliche mittelstandsdeutsche projektiv sämtliche verhassten eigenschaften vereint: kosmopolitische freizügigkeit und ausbruch aus dem begrenzten wirkungsraum, sexuelle ausschweifung und reichtum ohne arbeit, übertreten der althergebrachten ordnung und rationale verfolgung eigener interessen ohne verzicht für die gemeinschaft, kurzum: glück in größtmöglicher anhäufung. Aufgrund der vor 60 jahren begangenen untaten kommen juden den ländlern jedoch äußerst selten zu gesicht. Wenn ihr regressiver einfaltspinselzorn dann und wann einmal ausbricht, etwa anlässlich von alkoholseligem schützenfest oder fussballspiel, findet er im normalfall genügend andere objekte, an denen abzureagieren sich lohnt. Zu nennen sind sogenannte zugezogene, nicht im dorf verwurzelte, die oft auch nach 20 jahren noch nicht den nötigen stallgeruch aufweisen können; die aus der ex-udssr eingewanderten "aussiedler", die unter dem verdacht der mafiabetätigung stehen; oder natürlich richtige fremde wie "neger" und "asylanten", deren oftmals geballtes vorkommen in form von heimen die günstige gelegenheit gibt, die im schulsport erworbenen wurfkenntnisse auszunutzen und kleine freudenfeuer zu veranstalten.

2. Hohmann

Ähnliche vorgänge sind aus dem örtchen neuhof bei fulda in osthessen in
deutschland zu vermelden, wo der katholizismus sein unbarmherziges regiment
führt. Dort wurde von der lokalen cdu solange gegen einen türkischen metzger
gehetzt, bis dessen laden mit hakenkreuzen beschmiert und verwüstet wurde und das geschäft schließen musste. Teilhabe an der propaganda kann martin hohmann für sich reklamieren, der lange jahre den posten des bürgermeisters ausfüllte
und auch heute noch, als für seine antisemitischen phantasien bundesweit
bekannter bundestagsabgeordneter, nichts von seiner popularität in ort und region
eingebüßt hat. Bei einer abstimmung der fuldaer zeitung votierten 88% der
anruferInnen für den verbleib hohmanns in der cdu-fraktion. Die leute, die da
unten, fühlen sich von dem gestandenen mann würdig repräsentiert: autoritäre
charaktere die sie sind fürchten sie sich davor ihre angelegenheiten selbst in
die hand zu nehmen, ebenso treibt sie die angst vor allerlei ominösen sprechverboten und angeblichen tabus, die ihnen nicht recht einsichtig sein wollen. Deswegen laben sie sich an der direkten sprache, die "ihr martin" an ihrer
statt findet, wenn es um das beherzte draufschlagen und den rundumschlag im
karussell der ressentiments geht. Kein element des faschistoiden weltbildes lässt
der ideelle gesamtneuhöfer aus, wenn er mal wieder ans rednerpult schreitet:
seien es die homosexuellen, die für den bevölkerungsrückgang verantwortlich
gemacht werden und dekadenz, zersetzende moderne in die provinz bringen, ja
geradezu einschleppen. die frauen, die abtreiben und damit ebenso jeden tag
das heißgeliebte volk dem tod durch aussterben einen schritt näher bringen. Die
medien, die in ihrer profitlogik nur auf skandalmacherei aus sind und für einen schnellen euro ein ganzes dorf zu unrecht in den dreck ziehen, quasi "mit
der antisemitismuskeule erschlagen." Die hinten ihnen stehenden strippenzieher, die aus durchsichtigem interesse (wer wüsste nicht was gemeint ist!?) eine hetzkampagne angeordnet haben. Die unfähigen schwätzer in den parlamenten,
die eine "politikerverdrossenheit" erzeugen, weil sie das volk nicht gut regieren, ihm nicht ausreichend aufs maul schauen, egoistisch vor sich hin materialisieren anstatt sich für die wählerInnen aufzuopfern. Nicht zu vergessen die ausländer, die die deutschen ent- statt wie ursprünglich vereinbart bereichern, anstelle ihre arbeitskraft bedingungslos zur verfügung zu stellen, also die finanziellen ressourcen der deutschen mittels ihrer bekanntermaßen parasitären art aussaugen.

Wer am meisten saugt, dass weiß ein martin hohmann auch ganz gewiß: die juden sind es, liegen sie den deutschen doch nun schon seit mehr als einem halben
jahrhundert mit ihrem wehgeschrei in den ohren und ziehen daraus handfesten profit, während deutsche zwangsarbeiter noch immer nicht entschädigt wurden.
Solche missstände können jedoch nicht behoben werden, solange das "jüdische
volk" mit einem "übermaß an wahrheit" über die längst vergangenen vorfälle aufwartet, wo es als mindestens-ebenso-tätervolk doch kein recht dazu hätte. Die
macht der juden und des auslands, die die deutschen zu unterprivilegierten parias im eigenen land macht, muss gebrochen werden, um wieder stolz auf das vaterland demonstrieren zu können.

3. Neuhof

Eine ansehnliche, hermetisch gegen jede erfahrung und rationalität abgedichtete weltsicht hat sich hohmanneuhof da zusammengebastelt. Leicht aufrechtzuhalten ist das gebilde, sucht man doch untereinander immer wieder bestätigung und rückt angesichts des feindseligen "medienspektakels" zusammen. Durch das enge beieinanderstehen soll, man kennt den prozess aus der physik, reibung und wärme entstehen, ein aggregatzustand den die rationalistische, bürgerlich-
individualistische gesellschaft nicht bieten kann, was beständig allerlei rückwärts gewandte sehnsüchte hervorruft. Da die zusammenfindung zum volk von neuhof nur über den gemeinsamen feind hergestellt wird, gibt sie sich jedoch gerade darin als die größtmögliche menschliche kälte zu erkennen: die hohmänner verbindet nur das nicht(s), keine zuneigung, keine zärtlichkeit, kein gemeinsam beschlossenes projekt für das es sich zu leben lohnte ist ausfindig zu machen. allein das zufällige dahinvegetieren auf dem selben territorium und der hass auf andere, vermeintlich glücklich(er)e schweißt zusammen. Wie weit der barbarische konsens gediehen ist zeigen nicht nur die letztjährigen beschwerden der jüdischen gemeinde zu fulda, die sich beinahe völlig alleingelassen fühlte angesichts der wutschäumenden pro-hohmann-meute. Auch schon bei kurzzeitigem flanieren durch den ort schlägt einen die konterrevolution in permanenz ins auge: überdurchschnittlich viele häuser flaggen die deutschlandfahne, auf autos sind sprüche wie "stoppt tierversuche - nehmt kinderschänder" zu lesen und am gartenzaun hängen selbstgeschriebene pappschilder voll trauer und empathie - für holzpfähle: "Zum gedenken an die vier pfosten die in den letzten 20 jahren von lkw`s umgelegt wurden. Nur einer davon wurde bezahlt." Der am rande der hauptstraße platzierte stein mit der inschrift "3. oktober 1990" macht die abwesenheit jeglicher zeichen des gedenken an die opfer der deutschen vernichtungstaten noch bewusster.

Während der kundgebung gegen hohmanns rede am 03.10.04 schlägt den protestierenden, die bis auf eine handvoll ausnahmen sämtlich aus frankfurt angereist sind, von seiten der fans des katholischen fundamentalisten feindseligkeit
und hohn, letzterer gespeist aus der tatsache der numerischen überlegenheit,
entgegen. Nachdem zunächst nur einzelne beleidigungen als "asoziale",
"bettnässer" oder "juden" erklingen, gerät das blut der local heroes richtig in
wallung, als ihre heimat in einem redebeitrag als "ekliges dorf" denunziert wird.
Eine gruppe von jung- und altmännern kennt nun keine zurückhaltung mehr, sie
drohen den "scheissern", sie sollten schon mal "ihre brillen abnehmen" um dann
"das mikro zu fressen". Dass erst ab diesem punkt eine solch starke emotionale reaktion zu beobachten ist, zeigt, wie sehr sich die einzelnen mit dem zwangskollektiv in eins setzen: eine benennung ihrer umtriebe als antisemitische
oder rassistische scheint ihnen nicht halb so schlimm wie die diffamierung ihres ortes, der gemeinschaft aus der sie den großteil ihrer identität ziehen.
Die von adorno angemahnte entbarbarisierung des platten landes, deren
dringlichkeit er unter anderem mit der bäuerlichen herkunft vieler ss-männer zu
belegen suchte, ist gescheitert, bevor sie überhaupt jemals in angriff genommen
wurde. Unterstrichen wird diese aussage durch die gespräche mit den zwei oder drei versprengten einzelpersonen, die ihre ablehnung hohmanns in der region
öffentlich kund taten. Der eindruck der klassenübergreifenden einigkeit verstärkt sich noch: all ihre verwandten, bekannten, freundInnen seien der meinung, der bundestagsabgeordnete habe recht, erzählt eine junge frau. Die leute seien einfach dumm, durch die bank weg dumm, meint ein anderer, der aufgrund von kritischen leserbriefen drohanrufe bekam: "judenknecht" und "judensau" wurde ihm aus dem hörer entgegengeschleudert. Ehemalige bekannte grüßen ihn zum teil nicht mehr. Wenn er an den nationalsozialismus erinnert, wird sofort eingewandt: "Das war doch damals gar nicht so schlimm" oder "Ob`s das wirklich gegeben hat weiß man nicht". Wir allerdings wissen dass es neuhof gab und gibt, wenn uns auch der sinn, sozusagen das dörfliche existenzrecht, nicht ganz klar ist. Wir hoffen, die geschichte möge einmal einen gerechten lauf nehmen und dieses dorf, in welchem holz und tiere geliebt und zugleich juden und fremde gehasst werden, seinem verdienten ende zuführen. Da diese entscheidung nicht in unserer allzu bescheidenen macht liegt können wir nur auf höhere gewalten hoffen. Die oderflut sei der osthessischen provinz beispiel und warnung zugleich.

gruppe 8. mai

kontakt: gruppe8mai@gmx.net
26.2.05 16:55
 



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung