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Zur Struktur des linken Antisemitismus anhand einiger recht beliebig herausgegriffener, nichtsdestotrotz typischer F?lle

Die Aversion der reformistischen Linken gegen den kulturellen Westen, vor allem gegen die ?imperialistischen? USA und den alliierten ?zionistischen Aggressor? Israel sind bekannt. Dass die einschl?gigen Ressentiments selbstverst?ndlich nicht vor der Frankfurter Linken Halt machen, ist ebenso bekannt wie selbstverst?ndlich. W?hrend sich ihr radikaler Fl?gel in k?rperlichen Attacken auf ?ZionistInnen? ergeht ? wie zuletzt auf einer Antifa-Demo in Darmstadt geschehen - und dabei auch nicht vor dem Einsatz brutaler Gewalt zur?ckschreckt, ?bt sich die reformistische Variante in friedensseliger Rhetorik, die meist in die Form von Aufrufen, Appellen und Petitionen gegossen wird. Ein typischer Appell sowie zwei Figuren des perennierenden Aufrufsunwesens ? die Linkspartei-Funktion?rin Elisabeth Schneider sowie der Protestant und Vorturner der Anti-Nazi-Koordination, Hans-Christoph Stoodt - seien im Folgenden n?her charakterisiert, da sie zum einen pr?genden Einfluss auf die lokale Linke und ihre ?ffentliche Erscheinung aus?ben, zum anderen idealtypisch f?r den linken Antisemitismus stehen. In einer Schlussbetrachtung soll die Struktur des linken Antisemitismus sowie die linke Instrumentalisierung j?discher Stimmen n?her untersucht werden.
Kommen wir zun?chst zu dem Appell, den beide mit ihrer Unterschrift unterst?tzen.


Die ?Dortmunder Erkl?rung?

Die Dortmunder Erkl?rung richtet sich gegen den Vorschlag einer zivilgesellschaftlichen NGO-Definition des Antisemitismus, welcher korrekterweise den Hass auf Israel als Kern des neuen Antisemitismus benennt [1]. Statt jedoch, wie es von Linken eigentlich zu erwarten w?re, die zu oberfl?chliche und soziologische Definition der NGO`s in Form materialistischer Kritik zu unterf?ttern und damit den vorgefundenen, verk?rzten Antisemitismus-Begriff zu radikalisieren, wird der Impuls, Antizionismus als Herzst?ck von postmodernem Antisemitismus zu begreifen, von den ?Dortmundern? in G?nze zur?ckgewiesen. In dieser Zur?ckweisung finden sich etliche Projektionen, Unterstellungen und Verdrehungen, die im folgenden en detail kommentiert werden sollen.

Die Dortmunder Erkl?rung statuiert im Hinblick auf die NGO-Defintion: ?Wer die israelische Staats- und Regierungspolitik f?r tabu erkl?rt, f?rdert Ha? und Diskriminierung.? Von einer Tabuisierung war jedoch an keiner Stelle die Rede, die NGO`s benennen recht klare Kriterien f?r ihre Definition. Das Heraufbeschw?ren von Tabus erinnert an die konforme Rebellion deutscher Kleinb?rgerInnen und Rechtsradikaler, die in der angeblichen Verteidigung ihres Rechtes auf Kritik an einem beliebigen Sachverhalt ? ?man wird doch wohl noch sagen d?rfen? ? allein ihre Ressentiments zu drapieren suchen. Die willk?rliche Rede von Tabus, wo weder Sprechverbote existieren noch installiert werden sollen, ist als eigener, projizierter Wunsch nach Verh?ngung von Tabus, z. B. dem nach einer gr?ndlichen Reflektion ?ber den kontempor?ren Antisemitismus, zu dechiffrieren.
?Dortmund? schie?t im selben Geist weiter gegen die zu PappkameradInnen aufgebauten NGO`s: ?Politische Handlungen gegen die israelische Staats- und Regierungspolitik sollen ab sofort als antisemitisch gelten.? Der Enttabuisierungsgestus kleidet sich hier in den beliebten Vorwurf, alle Handlungen gegen die israelische Politik g?lten als antisemitisch. Dass dem keineswegs so ist, sondern von den NGO`s bestimmte Kriterien genannt wurden (z. B. Aberkennung des Existenzrechtes, Anlegung doppelter Standards usw.), will nicht verstanden werden.
Weiter postuliert ?Dortmund?: ?Kritik der israelischen Staats- und Regierungspolitik mu? ebenso m?glich sein wie die Kritik jeder anderen Staats- und Regierungspolitik.? Wo zun?chst legitimerweise das Recht auf Kritik ? wenn auch in ressentimentgetr?nkter Form ? eingefordert wird, geht es nun pl?tzlich um eine Kritik Israels, wie sie an allen anderen Staaten auch zu ?ben sei. Was universell-demokratisch klingt, bem?chtigt sich lediglich des Tickets der Gleichheit, um jede Besonderheit des israelischen Staates zu negieren. Dass die Haltung zu Israel angesichts der von Deutschen organisierten Judenvernichtung wie der heutigen Situation, wo erneut Ausrottungsdrohungen gegen die J?dInnen im Allgemeinen und Israel im Besonderen virulent sind und wirkm?chtig zu werden drohen, eine andere sein muss als zu Venezuela, Island oder Tadschikistan, deren Bev?lkerung weder in Gegenwart, Vergangenheit noch Zukunft in der Gefahr kollektiver Vernichtung leb(t)en, wird somit durchgestrichen. Zugleich suggeriert das vehemente Beharren auf einer ?ebenso m?glich? sein m?ssenden Kritik das Vorhandensein eines illegitimen Sonderstatus des j?dischen Staates, dessen Privilegien einkassiert geh?rten ? die menschenrechtlich verbr?mte Version der Hetze gegen die ?Arroganz? des ?auserw?hlten Volkes?, die sich angesichts der Realit?t von st?ndigen anti-israelischen Kommentaren in Medien [2] wie Alltag selbst blamiert.
Aus ?Dortmund? t?nt es weiter: ?Propagandisten grunds?tzlicher Zur?ckhaltung gegen?ber einem Staat und einer Regierung dagegen sch?ren den Ha? und f?rdern die Diskriminierung, die einzud?mmen sie vorgeben.? Die NGO`s sto?en laut ?Dortmund? also keine Definition an, sondern betreiben ?Propaganda? und geben darin das Gegenteil von dem vor, was sie eigentlich zu tun beabsichtigen. Die im Gewand der Ehrlichkeit daherkommende Warnung vor Heuchelei entpuppt sich selbst als heuchlerisch, da suggeriert wird, der zu bek?mpfende Hass entstehe erst durch die NGO-Reaktion. Das ist nichts als die verklausulierte, humanit?r aufgepeppte Variante des alten antisemitischen Klassikers, wonach die J?dInnen selbst die Schuld am Antisemitismus tr?gen, der ?ffentlichkeitstr?chtig zuletzt von J?rgen W. M?llemann aufgew?rmt wurde.
Die ?Heuchelei? scheint den ?Dortmundern? aber noch weiter zu gehen: ?Ohne sich klar dazu zu bekennen, meint die Gruppe mit Israel die Politik und die Politiker, f?r die sie ihre Lobbyarbeit betreibt.? Hier im Gestus mutiger Enttarnung das wahre Ziel der NGO`s entlarvt: sie wollen allein den israelischen PolitikerInnen zuarbeiten, von denen sie mutma?lich auch noch bezahlt werden! Die angebliche Heuchelei und die schwer durchschaubaren Interessen werden hier mit dem Motiv der Lobby verkn?pft, bei dem traditionell s?mtliche deutschen Alarmglocken klingeln. Denn Lobbies sind den Deutschen wegen ihres Partikularismus, ihrer blo? ?egoistischen Interessenspolitik?, die sich nicht in den ganzheitlichen Dienst des ?Volkes? stellen will, ein Greuel ? handelt es sich um (pro-)j?dische Lobbies, potenziert sich die Bedrohung nochmals aufgrund der bekannten ?raffgierigen? und ?unterdr?ckerischen? Eigenschaften des ?m?chtigen? Judentums.
Eine absolute Unf?higkeit, antisemitische Ressentiments als solche zu erkennen, wird in der scheinbar anti-nationalistischen Argumentation der ?Dortmunder? deutlich. Die NGO`s halten als ein antij?disches Stereotyp ?die Beschuldigung, Staatsb?rger j?discher Herkunft seien loyaler eingestellt gegen?ber Israel [...] als gegen?ber den Interessen ihrer eigenen Staaten?, fest. Darauf kontert ?Dortmund?: ?J?dische deutsche Staatsb?rger, in ihrer gro?en Mehrzahl nicht deutsch-national gesonnen, d?rften tats?chlich kaum bestreiten, da? ihnen die j?dische, die israelische oder irgendeine andere Sache mehr am Herzen liegt als die deutsche. Die Bekundung dieser Tatsache f?r antisemitisch zu halten, zeugt einzig und allein von nationalistischen Vorstellungen [...]. Die Unterzeichner der Dortmunder Erkl?rung teilen mit ihren j?dischen Mitb?rgern die Zur?ckhaltung gegen?ber dem Rechtsnachfolger des Nazi-Staats. Sie erscheint uns geradezu als Voraussetzung f?r ein gedeihliches Zusammenleben im Lande.? Der Antifaschismus, der hier stolz vorgetragen wird, zielt ins Leere, ging es den NGO`s doch nicht um eine nationale Disziplinierung der J?dInnen, sondern um die Benennung der antisemitischen Volte, wonach die J?dInnen eher als Teil einer international verzweigten Gemeinschaft zu ihren Stammesgeschwistern hielten als Loyalit?t gegen?ber dem eigenen Land zu demonstrieren. Die von ?Dortmund? ins Werk gesetzte Verwechslung von Subjekt und Objekt ist typisch f?r ein absolut mangelndes Verst?ndnis von Antisemitismus und zudem brandgef?hrlich, weil damit, wie oben gesehen, die J?dInnen pl?tzlich als ErzeugerInnen des Antisemitismus herhalten m?ssen.

Zusammenfassend l?sst sich sagen, dass die Dortmunder Erkl?rung von einem absolutem Unverst?ndnis des Antisemitismus zeugt. An keiner Stelle wird seine Eigent?mlichkeit auch nur ann?hernd begriffen, ganz zu schweigen von einer Benennung seiner aktuellsten Erscheinungsformen. Ganz im Gegenteil: mit der steten, im Gestus der Entlarvung vorgetragenen Rede von Lobbies und Heuchelei, der Behauptung eines Denkverbotes, wo keines besteht sowie der ins Werk gesetzten T?ter-Opfer-Verkehrung bzgl. der Initiationsschuld am Antisemitismus werden selbst wesentliche Elemente des modernen Antisemitismus reproduziert. Der unbedingte Wille zum Israel-Bashing, der sich als humanit?re Kritik begreift, jedoch kein Interesse an grunds?tzlicher Kritik von Staat, Nation und Kapital zeigt, ist in seinem Run gegen die scheinbare und tats?chliche Besonderheit Israels selbst antisemitisch zu nennen.

Dementsprechend liest sich die Liste der UnterzeichnerInnen wie ein Who is who des linken bundesdeutschen Antisemitismus ? von attac ?ber den Freidenkerverband, von TraditionskommunistInnen und Pal?stina-FreundInnen bis hin zu offenen SupporterInnen des baath- und islamofaschistischen Terrors im Irak sind alle im Boot. Eine Einzelauflistung lohnt nicht ? die entsprechenden Infos sind per google leicht anklickbar ? im Folgenden soll es lediglich um zwei der UnterzeichnerInnen gehen.


Elisabeth Schneider ? Landesvorstand Hessen und Kreisvorstand Frankfurt der Linkspartei

Die Linkspartei profiliert sich bundesweit ? etwa in Gestalt des antizionistischen und Juden als Urheber des Antisemitismus ausmachenden MdB?s Norman Paech ? wie regional als Feindin Israels. Das bringt Stimmen und schafft Stimmung. Eine besonders engagierte K?mpferin gegen Israel hat sich in Elisabeth Schneider gefunden, die den Antizionismus offenbar als Herzensaufgabe begreift und deswegen auch in unsch?ner Regelm??igkeit Leserinbriefe an die Frankfurter Rundschau verfasst. V?llig zusammenhanglos streut sie beispielsweise in ihren Brief vom 10.06.03 gegen die ?Besatzung? des Irak folgende Bemerkung ein: ?Es stellt sich die Frage, ob die US-Besatzung sich die israelische Methode zum Vorbild nimmt?, um dann den notorischen Kronzeugen Uri Avnery zu zitieren und daraus zu schlie?en: ?Ich hoffe sehr, dass Israel und die USA die Besatzung beenden und dass die USA ihre Pl?ne f?r den "Wiederaufbau" des Irak und die Ausbeutung des ?ls im Interesse von US-Firmen und Banken und die "Neuordnung" der Region aufgeben, auch im Interesse des US-amerikanischen Volkes, das wie die Israelis, die Kosten zahlen m?sste.? Der de facto willk?rlich hergestellte Connex zwischen zwei v?llig unterschiedlichen Krisengebieten ? Israel als Staat im permanenten Gr?ndungszustand, der mit seinen ?berwiegend feindlich gesinnten Nachbarn um eine endg?ltige Grenzziehung ringt vs. der aus geostrategischen Interessen gef?hrte US-Krieg gegen ein fern des Landes gelegenes faschistisches Regime, der unter den formalen Vorzeichen von Demokratisierung steht ? ergibt allein dann Sinn, wenn nicht das tats?chliche Vorgehen beider Staaten reflektiert werden, sie stattdessen als die idealtypischen ?rogue states? (Peter Sloterdijk) aus der ?V?lkergemeinschaft? exkludiert werden sollen. So wird Imperialismus, wirtschaftliche Interessenspolitik und organisierte Unterdr?ckung fremder ?V?lker? nicht als abschaffenswertes Kennzeichen von Staatlichkeit schlechthin begriffen, sondern allein in die zwei most hated-Nationen projiziert und deren moralischer Verkommenheit angelastet. Die USA und Israel verschmelzen solcherma?en zur antisemitischen Chiffre ?Usrael?, zu einem korrupt-materialistischen wie unassimiliert-aggressiven Gebilde, das als ?Weltbrandstifter? die an sich friedlichen ?V?lkerschaften? bedroht.
Selbstverst?ndlich hat Schneider sich somit - gar als Erstunterzeichnerin ? f?r die ?Dortmunder Erkl?rung? qualifiziert. Doch das war beileibe nicht ihr erster Appell: bereits im Jahr 2003 signierte sie eine franz?sische Petitition ? Lob des Internationalismus! ? f?r die Freiheit des ehemaligen irakischen Vize-Premiers Tariq Aziz. Nun ist es zwar immer sch?n, wenn sich Gef?ngnisse leeren und die zuvor Eingesperrten wieder ungesiebte Luft im Park, am Strand oder zumindest am Arbeitsplatz atmen d?rfen ? wieso man sich aber nun ausgerechnet f?r Tariq Aziz, einen langj?hrigen Berater des millionenfachen M?rders Saddam Husseins und unter anderem Mitverantwortlichen des bis dato schwersten Giftgasangriffs nach dem Zweiten Weltkrieg (auf die kurdische Stadt Halabja) einsetzt [3], ist unklar und wird im franz?sischen Text auch nicht weiter begr?ndet. Daf?r finden sich in trauter Gesellschaft mit Schneider in der Unterzeichnerliste der Vordenker der franz?sischen Neuen Rechten, Alain de Benoist, sowie der Holocaustleugner Claude Karnoouh [4]. Offenbar haben weder die InitiatorInnen noch Schneider Probleme mit einer solchen politischen Umgebung, solange es nur gegen den richtigen Feind ? die USA ? geht. Noch heute, Anfang 2006, steht der Appell unver?ndert und mit den benannten UnterzeichnerInnen im Internet [5].



Hans-Christoph Stoodt ? Ein protestantischer Pfaffe macht mobil

Der Pfarrer H.-C. Stoodt ist seit langen Jahren in der Frankfurter linken Szene engagiert und hat sich wirkliche Verdienste, zuletzt z. B. durch die F?rderung einer Ausstellung des v?llig marginalisierten F?rderverein Roma, erworben. Sein politischer Standpunkt ist klar links, bei in der Region angek?ndigten Nazi-Demonstrationen zeigt er sich stets als engagierter Gegner, seine fehlende Verurteilung von Gewalt und Extremismus trug ihm Popularit?t bis weit in autonome Kreise hinein ein. Doch bei allen Bem?hungen um die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, um die Verhinderung von Ehrungen prominenter NationalsozialistInnen und gegen das Erstarken rechtsradikaler Bestrebungen steht f?r ihn wie f?r Elisabeth Schneider ein Feind fest, den er mit seinen politischen GegnerInnen von der braunen Front teilt: ?USrael?. Seinen Antiamerikanismus demonstrierte er zuletzt ?ffentlichkeitswirksam anl?sslich der Visite von George W. Bush in Mainz. Auf einer von ihm mitorganisierten, zeitnah zum Staatsbesuch terminierten Demo in Frankfurt projizierte er, Bush intendiere, ?die ganze Welt in einziges Guantanamo? zu verwandeln [6] . Zum einen stellt der gezogene Vergleich, der prim?r auf zugeschwei?te rheinland-pf?lzische Gullydeckel und zeitweise stillgelegte Handy-Netze rekurrierte, eine Verharmlosung des extrajuristischen Raumes Guantanamo dar, was auf die Instrumentalisierung der realen Opfer der US-Politik verweist. Zum anderen ?u?ert sich in der zitierten Projektion eine gef?hlte Bedrohung, die fern jeglicher Rationalit?t und Empirie ein Gef?hrdungsszenario konstruiert, welches der USA eine nicht vorhandene Macht, gar Omnipotenz, zuschreibt, und damit zugleich eine direkte Betroffenheit aller B?rgerInnen suggeriert. So wird eine Generalmobilmachung in Gang zu setzen gesucht, die neben antiamerikanischen Ressentiments zumindest latent nationalistische Abwehr?ngste (?das lassen WIR nicht mit uns machen?) anspricht.
Auch als Unterzeichner der Dortmunder Erkl?rung beweist Stoodt sowohl biographische wie inhaltliche Stringenz im Bedienen von Ressentiments. Denn dass die Verbrechen des israelischen Staates besondere Aufmerksamkeit verdienen, stellte Stoodt sp?testens mit der auf seine Initiative hin gezeigten Ausstellung ?Pal?stina ? Alltag unter Besatzung? klar. Mit der L?ge, es handele sich bei den transportierten Informationen ?ber das reale und/oder fiktive Leiden der pal?stinensischen Bev?lkerung um eine von der Welt?ffentlichkeit nicht beachteten Sachverhalt [7] , wo doch der Konflikt um die Gebiete der bestdokumentierteste Krieg der heutigen Zeit ist und etwa die an Pal?stinenserInnen gezahlte Pro-Kopf-?Entwicklungshilfe? seitens der BRD die h?chste weltweit ist, wird ein scheinbar umfassendes Einf?hlen in das pal?stinensische ?Volk? erm?glicht. Diese mit der visuellen und damit plakativen Evidenz von Leiden arbeitende Schein-Empathie stellt sich allerdings in sch?ner Regelm??igkeit als die gr??te L?ge ?berhaupt heraus, denn das Leiden interessiert nur dann, wenn es von Israel verursacht wird. Weder wird zur Kenntnis genommen, dass in den letzten Jahrzehnten mehr Pal?stinenserInnen von AraberInnen als von Israelis get?tet wurden, noch werden die Marginalisierten und Diskriminierten innerhalb der pal?stinensischen Gesellschaft ? z. B. Frauen die unter sexualisierter Gewalt und patriarchalen Strukturen leiden, DissidentInnen die als ?Kollaborateure? verfolgt werden, Menschen mit gleichgeschlechtlichen Liebes- und Sexualbeziehungen die als Homosexuelle Steinigungen zum Opfer fallen ? beachtet. Erneut wird hier also wie bereits im Fall Guantanamo mit scheinbar humanit?ren Argumenten Leiden monokausal rezipiert, dekontextualisiert und damit instrumentalisiert. So ist jedoch niemals den angeblich oder wirklich Betroffenen zu einer Verbesserung ihrer Lage zu verhelfen, so wird lediglich die Konstruktion eines Feindbildes erm?glicht, die der Projektion eigener aggressiver Anteile und Ressentiments dient. Typisch f?r die im Endeffekt antisemitischen Effekte steht ein Stoodt-Zitat aus einer im Internet publizierten E-Mail an den j?dischen Initiator der Medienbeobachtungsinitiative ?Honestly Concerned? : ?Wie Sie wissen, ist es ein uraltes antisemitisches Stereotyp, die J?dinnen und Juden weltweit als irgendwie verschworene Gemeinschaft darzustellen. [...] Wer aber umgekehrt so argumentiert, da? Kritiker Israels sofort als Antisemiten beschimpft werden, wie ich es gerade erlebe, sollte sehr vorsichtig sein, nicht letzten Endes genau solchen rassistischen Stereotypen Wasser auf die M?hlen zu leiten.? Zun?chst ruft Stoodt in pseudodistanzierter, lehrerhafter Manier einem Juden das diesem vermutlich aus eigener Erfahrung wohlbekannte antisemitische Stereotyp ins Ged?chtnis, um es dann zu dementieren, schlie?lich aber doch wieder als Option im Konjunktiv zu legitimieren. Unter dem Strich wird damit gedroht: Wenn du (bzw. die Juden) es zu bunt treibst/treiben, k?nnen wir (Christen/Deutschen) auch anders! Zum einen findet hier erneut die bekannte Verdrehung von T?terschaft und Opferstatus in Sachen Antisemitismus statt, zum anderen wird der Antisemitismus als Drohroutine eingesetzt, um (j?dische) KritikerInnen in ihre Grenzen zu verweisen. Den J?dInnen wird zwar ein Platz als Mahner und Warner am Rande der Gesellschaft, als zivilgesellschaftlich organisierte und kulturpflegende Minderheit zugestanden ? Auschwitz hat schlie?lich zur Gen?ge eingesch?chtert. Sobald sie jedoch diese erneut von Deutschen gesetzten Beschr?nkungen ?berschreiten und sich zu selbstbewussten b?rgerlichen Subjekten emanzipieren ? sei es als entschlossene KritikerInnen des hegemonialen Antizionismus oder als bewaffnete VerteidigerInnen des eigenen Lebens ? wird das Kehrbild des ?frechen Juden? herangezogen. Stoodt und seine unz?hligen GesinnungsgenossInnen signalisieren somit nicht allein ihre Kapitulation vor dem immer noch und immer wieder virulenten eliminatorischen Antisemitismus, sondern fordern diesen Kotau auch unversch?mterweise von den J?dInnen selbst.


Conclusio

Aus den aufgef?hrten Exempeln linken USA- und Israelhasses l?sst sich vieles destillieren. Einige der naheliegenden Schlussfolgerungen seien kurz angerissen.
Zun?chst stehen die beschriebenen Beispiele paradigmatisch f?r den Mainstream der europ?ischen und vor allem deutschen Linken. Die Linke gibt darin ihr Versagen, den heutigen Antisemitismus zu begreifen, zu Protokoll. Der Judenhass hat sich seit 1945 gewandelt, w?hrend ? zumindest in den kapitalistischen Zentren ? offene Jud?ophobie wie rassisch begr?ndeter Antisemitismus lange Zeit einer ?ffentlichen Kommunikationslatenz unterworfen wurde (im Privaten aber weiter bestand), existierte das Ressentiment in codierter Form weiter. Wird der sekund?re, als Erinnerungsabwehr erscheinende Antisemitismus von der Linken noch bis zu einem gewissen Grad anerkannt, wenn auch meist bagatellisiert oder ignoriert, so wird weder seine Codierung als Pseudo-Antikapitalismus noch sein Erscheinen als Antizionismus verstanden. W?hrend der Pseudo-Antikapitalismus antisemitische Bilder und Strukturen aufgreift, ohne explizit von Juden zu reden und stattdessen von Raffgier, Heuschrecken und internationalem Finanzkapital schwadroniert, macht der Antizionismus Israel zu dem ?Juden? unter den Staaten. Entsprechend werden nicht nur andere Standards an Israel angelegt als an andere Staaten, wird Israel offen oder implizit das Existenzrecht entzogen oder mit der Anwendung nazistischen Methoden in Verbindung gebracht [8] , sondern werden auch die einschl?gigen Bilder des alten Antisemitismus auf den j?dischen Staat projiziert. So ist z. B. die Negierung authentischer Staatlichkeit und die alleinige Subsumtion Israels unter Kategorien wie Vorposten des Imperialismus, Br?ckenkopf der USA oder gleich k?nstliches Gebilde nichts anderes als die alte M?r von den J?dInnen, die weder assimilationsf?hig seien noch ein eigenes Volk darstellten, deren Kosmopolitismus jede Nat?rlichkeit und organische Verwurzelung abgehe.
Die Linke versagt also de facto vor dem Verst?ndnis der aktuellen Auspr?gungen des Antisemitismus, beansprucht jedoch zugleich weiterhin, stets im Namen der ?Anderen?, der Opfer des Faschismus zu sprechen und zu handeln. Jedoch werden deren Erfahrungen nur ?u?erst selektiv rezipiert ? neben sporadisch organisierte Veranstaltungen mit ?berlebenden des Vernichtungsterrors, in denen jene meist vorwiegend auf ihr vergangenes Leid und die individuelle Verarbeitung der ihnen zugef?gten Brutalit?t befragt werden, f?llt vor allem die intensive Promotion dissidenter j?discher Stimmen aus Europa und Israel auf. So ist der auch von Schneider und Stoodt [9] ins Feld gef?hrte Uri Avnery mittlerweile in Zentraleuropa um vieles bekannter als in Israel selbst. An der innerj?dischen Opposition interessiert die Linke dabei weniger deren spezifische Positionierung als politische Linke vor ihrem j?dischen Hintergrund, sondern allein ihre Gegnerschaft zum ?zionistischen Establishment? ? eine Minderheit von ?guten? J?dInnen wird so als Alibi benutzt, um politisch korrekt auf die Mehrheit der ?b?sen? J?dInnen einzupr?geln. Die andere Seite der Spaltung in instrumentalisierbare und nicht genehme J?dInnen zeigt sich im Abwatschen derjeniger, die sich aus der ideell von den Linken zugewiesenen Opfer- und Alibirolle herausbegeben und daf?r mittels Drohung mit der antisemitischen Keule bestraft werden - die Opferidylle erweist ihre Verlogenheit. Die Allianz der Linken und der Unterdr?ckten tr?gt also nur, solange die als Unterdr?ckten ausfindig Gemachten sich in ihre von den Linken zurechtgeschneiderten Rolle f?gen. So k?nnen zwar partiell reaktion?re Tendenzen ?solidarisch? bek?mpft werden ? etwa wenn sich Linke und j?dische Gemeinde anl?sslich von Nazi-Demos gegen den Neubau einer Synagoge in einem B?ndnis zusammenfinden ? die Gemeinsamkeiten enden aber dort, wo die J?dInnen ?ber das Bild der braven Mahner vor Rechtsradikalismus hinausgehen und sich als selbstbewusste, b?rgerlich-emanzipierte Subjekte verhalten. Die in tausenden von Flugbl?ttern, Appellen und B?chern dokumentierte linke Hetze gegen die staatlich und autonom organisierte milit?rische Selbstverteidigung des Judentums demonstriert unter diesem Blickwinkel die Weigerung der Linken, die J?dInnen als ganz normale Menschen in einer ganz besonderen Situation zu akzeptieren. Der linke Anspruch, die ?richtigen Konsequenzen? ? Menschenrechtsorientierung, Pazifismus, Demokratie und Multikulti - aus dem Nationalsozialismus zu ziehen, der die Erfahrung der Barbarei historisiert, entkonkretisiert und auf falsche Weise universalisiert (im Sinne eines Beschweigens der spezifischen Ursachen und Ideologien, die die Grundlage der Massenmorde bildeten), erweist sich so als Versuch der Monopolisierung historischer und aktueller Wahrheit. Die den passivierten Opfern entrissene Deutungshoheit wird unter dem Banner des Antifaschismus moralisch-gutmenschlich aufgeladen und solcherma?en in eine einst alternative, unter Rot-Gr?n hegemoniale Nationalisierung eingepasst. Das angebliche Sprechen f?r die Opfer, das jenen selbst die Stimme raubt, wendet sich schlie?lich und in umgemodelter Form erneut gegen die Opfer, seien es die hier lebenden AntisemitismuskritikerInnen oder die in Israel um ihr kollektives ?berleben K?mpfenden.
Die Linke hat also wesentlichen Anteil an der Transformation zum ?ehrbaren? Antisemitismus und beteiligt sich bis heute mehrheitlich an dessen Formulierung und Popularisierung. W?hrend Rechtsradikale oft in den selben Worten wie Linke gegen den ?Schl?chter? Sharon, die ?Kinderm?rder? der IDF oder die ?Arroganz? und ?westliche Dekadenz? der israelischen Gesellschaft hetzen, aber dabei zu Recht stets unter Antisemitismusverdacht stehen, k?nnen die Linken auf der Haben-Seite ihren Antifaschismus und ihre Allianz mit den Unterdr?ckten, den Opfern der Geschichte verzeichnen. Das solcherma?en erarbeitete Alibi macht es ihnen m?glich, in aller Unschuld und mit fast unanfechtbarer moralischer Rhetorik gegen diejenigen Propaganda zu treiben, als deren legitime NachlassverwalterInnen sie sich begreifen. Die Linke selbst ist ?ber dieses Ticket zu einem Motor eines l?ngst in den Mainstream diffundierten Antisemitismus geworden ? wenn auch unklar bleibt, inwieweit sie sich dessen bewusst ist, inwieweit die M?glichkeit erneuter Elimination bewusst vorangetrieben oder lediglich als unintendiertes Nebenprodukt des Ressentiments bef?rdert wird.
In ihrer mithilfe der beschriebenen moralisierenden Argumentation legitimierten Praxis manifestiert sich eine Hauptwiderspruchslogik, die sich gegen die ?Weltfeinde? USA und Israel auch (tempor?r? strategisch?) im- wie explizit mit den ansonsten ge?chteten Rechtsradikalen im In- wie Ausland verb?ndet, wie das Beispiel des Aufrufes f?r Tariq Aziz zeigt. Sp?testens hier wird die Abkehr von jeglicher Emanzipationsbestrebung offenbar, ebenso wie sich das stets angemahnte Einf?hlen in die Unterdr?ckten im besten Fall als romantisch-naive Sehnsucht, im schlimmsten als reaktion?r-v?lkische Ideologie erweist, die sich selektiv bestimmte Bilder von ?Opfern? nur instrumentell herausgreift, um die eigene Mobilisierung gegen den ?Feind? zu legitimieren und voranzutreiben.
Es w?re an der Zeit, den antisemitischen Linken ? hei?en sie nun Stoodt oder Schneider, Els?sser oder Pirker, Paech oder Karsli, AIK oder Linksruck, Junge Welt oder Neues Deutschland, taz oder Freitag ? den Anspruch auf Humanit?t und Emanzipation zu bestreiten. Dabei muss es um eine genaue Analyse der Allgemeing?ltigkeit wie der Spezifik des linken Antisemitismus gehen, um anschlie?end im Modus bestimmter Negation die zu bewahrenden Elemente des linken Weltbildes ? den Antifaschismus, die Parteinahme f?r die Opfer, die Orientierung an einer globalen Abschaffung des Leidens - in den Rahmen einer materialistisch-kommunistischen Kritik zu ?berf?hren, die den Antisemitismus als Basisideologie b?rgerlicher Vergesellschaftung begreift und darin seinen einstigen wie heutigen Opfern und ihren Erfahrungen den ihnen zustehenden Raum einr?umt.



_____________

[1] Siehe http://www.honestly-concerned.org/
NGO-FORDERUNGSKATALOG.htm

[2] Vgl. etwa die Untersuchung von Margarete und Siegfried J?ger, Medienbild Israel ? Zwischen Solidarit?t und Antisemitismus.

[3] Vgl. http://www.nahost-politik.de/irak/giftgas.htm

[4] http://www.idgr.de/texte/rechtsextremismus/
frankreich/harmattan.php
?In der Gerichtsverhandlung gegen Robert Faurisson erkl?rte Claude Karnoouh, am 25. Juni 1981, als Zeuge des Angeklagten: "Ich glaube wirklich, da? die Gaskammern nicht existiert haben; eine gewisse Anzahl von offiziellen Wahrheiten der Geschichte endeten, in dem sie revidiert wurden. Ich kenne nur totalit?re Staaten, wo man sagt, da? eine historische Wahrheit ewig ist."


[5] http://www.amnistia.net/news/articles/fascdoss/
azizpeti/doc.htm

[6] Vgl. http://jungle-world.com/seiten/2005/09/5015.php: ?In seiner Rede ?u?erte er die Vermutung, dass es die Absicht des US-Pr?sidenten George W. Bush sei, ?die ganze Welt? in ein einziges Guant?namo zu verwandeln. Das sehe man schon in Mainz, wo beispielsweise Gullydeckel zugeschwei?t w?rden, das Handynetz lahm gelegt werde und Menschen ihre Wohnungen nicht verlassen d?rften. Die Demonstrantinnen und Demonstranten, die sonst gerne auf die Brutalit?t der Haftbedingungen und die Rechtlosigkeit der Inhaftierten in Guant?namo hinweisen, jubelten und applaudierten.?

[7] Zitat aus dem Ank?ndigungstext: ?Aber vor allem die strukturelle Gewalt der Besatzung ? allt?gliche Dem?tigung und Entrechtung ? taugt nicht f?r spektakul?re Bilder, sondern geschieht, ohne von der Welt?ffentlichkeit wahrgenommen zu werden.?

[8] Vgl. auch die entsprechenden Ergebnisse der Heitmeyer-Studie 2004, wonach 2/3 der Deutschen Israel einen ?Vernichtunsgkrieg? andichten.

[9] Vgl. etwa Stoodt im O-Ton: ?Vielmehr ist die Kritik an der Besatzungspolitik Israels, die in dieser Ausstellung ge?bt wird, eher noch milde im Vergleich mit israelischen Stimmen zur selben Angelegenheit. Sollten Sie an entsprechenden Dokumenten zB. von Uri Avnery, Ran Ha-Cohen oder anderen interessiert sein, schicke ich Sie Ihnen gerne zu.?, abrufbar unter http://www.arendt-art.de/deutsch/palestina/Honestly_Concerned/
honestly_concerned_frankfurt_katharinenkirche.htm
13.1.06 15:56
 



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